„Müssen wir uns jetzt tatsächlich auch noch um diesen „new work” Kram kümmern? Wir lassen unsere Mitarbeiter doch jetzt die mails auf dem Smartphone lesen. Wir sind doch schon total digital. Was soll das also? Noch mehr schaffen wir jetzt nicht.“
So oder ähnlich läuft es wohl in vielen Managerköpfen ab, wenn schon wieder „new work” oder „Digitalisierung“ irgendwo in einem Artikel auftaucht. Auch, wenn jedem klar sein muss, dass langfristig führt kein Weg daran vorbeiführt und Deutschland bereits jetzt in vielen Bereichen hinterherhinkt (Stichwort Breitbandausbau). Es scheint tatsächlich, als führe kein Weg „daran“ vorbei. Aber welcher Weg in diese Richtung führt, das weiss scheinbar niemand so genau. Was also bringt dieses ganze Gezeter? Brauchen da wieder mal ein paar Journalisten und Berater Beschäftigung, oder steckt mehr dahinter? Die Blogparade zeigt schon: Der Themenkomplex rund um „new work“, der in der Ursache und der Umsetzung sehr intensiv mit der Digitalisierung zusammenhängt, hat viele Aspekte und jede Perspektive ist wichtig und im spezifischen Kontext richtig. So dynamisch und vielschichtig unsere Zeit ist, so organisationsindividuell ist das Thema „new work“. Um eine weitere Perspektive hinzuzufügen, lade Sie auf eine Reise von der Gegenwart unseres Arbeitsverständnisses in die Zukunft ein und versuche zu ergründen, was uns alles bevorsteht bis das, was wir heute „new work“ nennen zum Normalzustand geworden ist.

Der alte Glaube

Wir Menschen tragen, ausgelöst durch unsere Sozialisation in Familie, Ausbildung, Umfeld und Beruf, eine Vielzahl teilweise unbewusster Glaubenssätze in uns. Diese Glaubenssätze beeinflussen in hohem Maße unsere Selbst- und damit auch unsere Außenwahrnehmung, insbesondere in Bezug auf unsere individuelle persönliche und berufliche Entwicklung. Aus Ihnen entwickeln wir Grundsätze, die wir auf alles und jeden in unserem Leben anzuwenden versuchen. Spannend wird es, wenn wir mit anderen in Gruppen zusammenarbeiten und sich diese Grundsätze plötzlich in ganz neue Richtungen weiterentwickeln. Aus individuellen Grundsätzen werden, abhängig von der Konstellation der Gruppe, dann ganz schnell Grundsätze der Gruppe. Der „Top-Influencer“ wird zum „Leader“ und es entsteht eine Eigendynamik, der man sich zunächst oft nur schwer entziehen kann. Auch, wenn man feststellt, dass diese Gruppenglaube eigentlich doch nicht so sehr zur eigenen Weltsicht passt. Gerade in Unternehmen mit klassischen Führungsstrukturen gehören zu den „gewachsenen“ Glaubenssätzen solche, wie ich sie etwas überspitzt zusammengetragen habe. Welche Auswirkungen eine solche Sicht auf die Mitarbeiter hat, bzw. welche Selbstwahrnehmungen ihnen zugrunde liegen haben Dave Logan und John King in „Tribal Leadership\” (hier der Link zu einem TED Talk zum Buch) und nicht zuletzt Frederic Laloux in „Reinventing Organisations“ indirekt beschrieben.

Konkurrenz statt Geschäft

Gruppen, die in ihrer Wahrnehmung mit den Grundsätzen auf der linken Seite übereinstimmen, sind geprägt von interner Konkurrenz, egozentrischen Machtstrukturen und einer insgesamt negativen Grundhaltung dem eigenen Leben und der Zusammenarbeit mit anderen gegenüber. Prof. Heike Bruch von der Uni St. Gallen kategorisiert die in diesen Gruppen vorherrschenden Energien als „korrosiv“ und bestenfalls als „resignative Trägheit“. Im Extrem reiben sich die Mitarbeiter entweder in internen Grabenkämpfen auf, oder reagieren zynisch und sehen den Arbeitsort als notwendiges Übel, um Gehalt zu beziehen. Um es in Zahlen zu fassen: Solche Unternehmen besitzen eine durchschnittlich ca. 20% schlechtere Rendite, eine ebenso geringere Produktivität und deutlich schlechtere Werte bei Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit als Unternehmen, die mit einem positiven Mix an Energien aufwarten. Für viele Unternehmen mit knappen Margen vielleicht doch ein Grund sich dieses Thema genauer anzusehen.

Moores Law zeigt Wirkung

Ich möchte mich nicht zu sehr mit der Gegenwart beschäftigten, die Zukunft hat schließlich schon begonnen. Was uns wie eine Welle überrollt und manchmal von den Füßen reißt – der technologische Fortschritt – kommt langsam aber sicher auch in den Unternehmen an. Dabei handelt es sich um keine echte technologische Revolution – die, wie die Dampfmaschine die damals langsamen Entwicklungszyklen vehement unter Druck setzte. Gemessen an heutigen Maßstäben sind wir mitten in einer fortwährenden aber immer schneller verlaufenden Evolution. Wenngleich in deutlich kürzeren Zeitabschnitten als die Revolution vor 150 Jahren. Moores Law zeigt deutlich seine Wirkung. Nachdem Smartphones und Gadgets wie Drohnen und Helmkameras mit integriertem YouTube Stream zielsicher ihren Einzug in unsere Leben gehalten haben – mindestens als YouTube Zuschauer – machen die Auswirkungen dieses Teils der Digitalisierung auch vor Organisationsstrukturen und -prinzipien in Unternehmen nun keinen Halt mehr. Augenfälligstes Beispiel ist das „gute alte“ Home Office. Mit (V)DSL und LTE sind die zur (Wissen-)Arbeit benötigten Informationen heute nahezu überall verfügbar. Auch die Terminvereinbarung mit Handwerkern und meinem Arzt geht Online schneller und einfacher. Und damit sind wir noch nicht bei Augmented Reality Brillen für den Kfz Mechatroniker, der plötzlich keine Fortbildung für die neue Modellreihe mehr benötigt.

Kunden oder Mitarbeiter an die erste Stelle?

Flexibilität und Netzwerke sind die Stichworte denen Unternehmen auf dem Weg in die Zukunft wohl häufiger begegnen werden. Sei es als naheliegender Wunsch neuer Mitarbeiter, oder eher noch von Kundenseite, die Service immer weniger als Nebensache ansehen. Denn ganz schnell – das sehen wir schon heute – ist das Kundennetzwerk ausschlaggebend für den Erfolg. HCL Technologies hat das schon vor langer Zeit erkannt und vor. ca. 10 Jahren einen neuen Grundsatz geprägt der beispielhaft für den anstehenden Perspektivwechsel ist: „Employees First, customers second” (EFCS) „Zuerst der Mitarbeiter, dann der Kunde“. Auf den ersten Blick verstörend, doch bei genauerer Betrachtung der einzig logische Weg zu wirklich zufriedenen Kunden. Denn Mitarbeiter die sehen und fühlen, dass das Unternehmen hinter ihnen steht, sie in ihrer Arbeit voll unterstützt und ihnen die notwendigen Freiheiten gibt, übertragen diese positive Energie auch 1:1 auf die Kunden.

Einzigartig

Die wesentlichsten „neue“ Grundsätze von Unternehmen, die heute schon entspannt auf die kommenden Veränderungen blicken, leiten sich alle aus einem deutlich vertrauensvolleren und positiveren Menschenbild ab, als wir es heute in der Gesellschaft und vielerorts in den Unternehmen verinnerlicht haben und tagtäglich vorleben: “Menschen sind grundsätzlich gut, lernfähig, lernbereit und alle sind einzigartig, weshalb Konflikte und unterschiedliche Wahrnehmungen zwar zu erwarten, aber auch lösbar sind.” “Alle Mitarbeiter sind kreative, wohl überlegt handelnde, vertrauenswürdige Erwachsene, die fähig sind wichtige Entscheidungen zu treffen. Sie sind ebenso fähig ihre Handlungen und Entscheidungen selbst zu verantworten und die Art der Zusammenarbeit selbst zu organisieren.” Das spannende dabei: Die veränderten Grundsätze in den Unternehmen wirken über die Mitarbeiter und Stakeholder auch auf das indirekte Umfeld des Unternehmens. Sie sind der Startpunkt nachhaltiger Veränderungen unserer Gesellschaft und unseres Handelns. Aus \”Verhalten\” wir auch hier \”Haltung\”.

Neues Lernen neu lernen

Ein weiterer Aspekt brennt mir auf der Seele, der selten zur Sprache kommt, aber von ausschlaggebender Bedeutung für die Veränderung ist: Unsere Lernkompetenz. War es bislang Ziel von Aus- und Fortbildungen theoretische Grundlagen zu vermitteln, so wird es immer bedeutsamer den Fokus auf den Austausch über diese Grundlagen, die aktive Vernetzung  und den Erwerb von „Können“ zu richten. „Neue“ Formate wie Videoturorials und ganze Online Universitäten werden den/die SeminarleiterIn als Wissensrepititor ersetzen. Die Rolle wird sich in die eines Moderators und Coaches wandeln, der/die die Diskussion zwischen den Lernenden anregt und ihren Raum gibt das Erlernte auszuprobieren.

new work wird es so nicht mehr geben

Am Ende ein gewagter Blick aus der Zukunft auf diese „new work“. Es wird sie in dieser Form nicht mehr geben. Wir werden auf der einen Seite Unternehmen sehen deren Selbstorganisation weit über das hinausgeht, was wir heute kennen. Die nicht nur ihre internen sondern ganz bewusst auch ihre externen Stakeholder vollständig in diesen Vertrauen und Verbundenheit bildenden Prozess mit einbeziehen. Dieser Unternehmen werden (vermutlich) auf einer stabilen Grundlage wirtschaften können – ähnlich etwa zu Premium Cola, die dieses Prinzip im Grunde schon seit 10 Jahren leben und ihr „Betriebssystem“ auf der website öffentlich gemacht haben. Im anderen Extrem wird es immer noch Unternehmen geben – die alten großen – , die dagegen ankämpfen und deren Management ihre (heute noch prallgefüllten) Schatztruhen im Kampf um Macht und Status immer schneller leeren. Dazwischen ist noch Raum für die, die jetzt ruhig und bewusst in den Prozess der Weiterentwicklung starten und sich trauen ergebnisoffen aber lösungsorientiert Dinge auszuprobieren, die sie vor 5 Jahren für unmöglich hielten. Gerade auf diese Unternehmen setze ich, als neue stabile Standbeine unserer Gesellschaft.


Zusammenfassung: Grund- und Glaubenssätze prägen unserer Zusammenarbeit heute und in Zukunft. Die heute tief verinnerlichten Glaubenssätze passen kaum mehr zu den Anforderungen der Zukunft. Aber es gibt Hoffnung. Erste Unternehmen arbeiten nach neuen Prinzipien und sind Vorreiter für eine massive Veränderung der Gesellschaft.

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