Ich war zugegeben nie ein Fan von Vorstandsreisen ins „Tal der Träume“, vielleicht habe ich einfach selbst zu lange im Technologiebereich gearbeitet habe oder es liegt daran, dass das Managementverständnis dort so gar nicht das meinige ist. Insbesondere damit scheine ich nicht ganz alleine da zu stehen, wie ich dem Artikel von Arlat von Kittlitz in der „Zeit“ entnehme.

 

Natürlich kann man südlich von San Francisco, gerade aus Sicht eines ansonsten persönlich eher  toptechnologieagnostischen Top-Managements einiges mitnehmen. Man kann sich ansehen, an welchen Ideen Start-ups arbeiten, wie schwer entrepreneurische Leichtigkeit ist und vor allem kann man sich Argumentationshilfe dafür beschaffen, warum die Digitale Transformation für uns hier so wichtig ist – dies auch, weil oftmals so schmerzlich bewusst wird, dass wir den Entwicklungen dort um 5 – 10 Jahre hinterherhinken.

 

Natürlich geht es dabei immer um „die Zukunft“, konkreter die technologische Zukunft. Die jedoch hat mit einer „besseren“ Zukunft, wie wir sie und alle in der einen oder anderen Form erhoffen, sicherlich nur am Rande zu tun.

 

Haben Sie sich schonmal selbst gefragt:

  • Was ist Zukunft?
  • Was ist eine „gute“ Zukunft?
  • Was ist eine „bessere“ Zukunft?
  • Wie sieht meine „beste“ Zukunft aus?

 

Der Digitale Wandel – als einer der Treiber in diese „Zukunft“ – ist kein technologisches Ding. Der Wandel hat (mindestens) drei Komponenten, von denen „das digitale“ nur den aktuellen Auslöser für umfassende Entwicklungen darstellt. Der Wandel beinhaltet zwar, wie die Nutzung von Technologie unser Arbeitsleben verändert, etwa indem ganz anders als vor 5 Jahren kommunizieren, zusammenarbeiten und uns immer mehr durch „Maschinen“ jedweder Form dabei unterstützen lassen. Er beinhaltet darüber hinaus – und das halte ich für viel wesentlicher – allerdings auch, wie wir durch die Nutzung dieser Technik neue Organisations- und Managementsysteme gestalten können (und müssen) und dabei uns selbst und der Zwischenmenschlichkeit Raum geben sollten.

 

Doch gerade diese letzten beiden Punkte lassen sich selbst bei einem 6-monatigen Tripp über den großen Teich nicht abkupfern – allein, weil sie dort oftmals auch nicht gelebt werden. Und selbst wenn dort alle Unternehmen auch in diesen Bereichen führend wären, würde der Versuch all das zu kopieren an den gleichen Problemen scheitern, wie schon vor 25 Jahren, als europäische (und damals auch amerikanische) Manager die Ansätze von Kaizen und – wie wir es heute nennen – „Lean” in Fernost zu internalisieren versucht haben: An den unterschiedlichen Kulturen, an unterschiedlichem Verhalten und unterschiedlichen Haltungen.
Der (wenn man genauer hinschaut und wie ich finde maßlos überschätzte) amerikanische Traum, die Chance zu scheitern und wieder aufzustehen, das „hire & fire”, das im Rampenlicht stehen und viele weitere andere kleine Elemente der Kultur, die dem Valley zugrunde liegt, passen einfach nicht zur deutschen Gründlichkeit, dem schnurgeraden Lebenslauf, der beruflichen Kontinuität, dem Respekt (und manchmal Duckmäusertum) vor Alter und Stellung. Er passt einfach nicht zu den vielen kleinen Elementen unserer alten Kultur, unserer alten Sozialisierung und unserer alten Bildungs- und Managementsysteme.

 

Wir sind noch nicht an der Stelle angekommen, an der Ideen möglich sind und gewürdigt werden – egal von wem sie kommen -, wo Kreativität und Querdenken als wichtig und gut angenommen werden, wo alte Regeln ungestraft in Frage gestellt und reflektiert werden dürfen. Wir leben hier noch nicht in einem Land und einem Gemeinverständnis, das es gutheißt Neues auszuprobieren, Fehler und Irrtümer zu machen, daraus zu lernen und dieses Lernen womöglich öffentlich zu machen, damit alle daran partizipieren können.

 

Um an dieser Stelle zu kommen und mit „dem digitalen“ eine „bessere Zukunft“ für uns – und manchmal tatsächlich in jedem einzelnen Unternehmen – zu gestalten, brauchen wir Organisations- und Managementstrukturen, die zu uns passen, die diese Freiräume geben, die in der Lage sind den organisationsindividuellen Entwicklungsweg mitzugehen, sich den Gegebenheiten anzupassen und dennoch gleichzeitig den weiteren Wandel unterstützen. Wir brauchen dazu das Verständnis, wie die Systeme – die Technik, die Menschen und die sie umgebenden Strukturen – ineinandergreifen und was dies unterstützt, und was es behindert.

 

Noch etwas ist im Tal unserer Hoffnung anders, als wir es mit unserem Glauben an die Propheten aus dem ehemals wilden Westen wahrnehmen. Es geht dort im Kern nicht um Technologie. Es geht um Geld! Es geht nicht um DIE Zukunft der Menschheit, sondern um die Zukunft der Gründer, der CEOs, der Investoren und all jener, die nach der Gründung vor allem ihre Schäfchen im trockenen haben wollen. Denn attraktiv ist dieser amerikanische Traum noch immer! Gerade auch dort, wo, wie es aussieht, manche es eben doch geschafft haben. Wie bei jedem Goldrausch sieht man die Gewinner und vergisst die Verlierer.

 

Auch wenn es dort gelingt Silikon zu vergolden, liegt hier bei uns anderes Gold auf der Straße. Doch scheitern wir noch immer daran, diesen Stein der Weisen zu erkennen und zu gebrauchen.

Wir könnten führend sein.

Wir könnten tatsächlich führend sein, trotz all unserer tief verinnerlichten Altlasten. Als das Land der Dichter und Denker könnten wir die Ressource, von der wir so unglaublich viel haben, die Reste von Bildung, geistiger Stärke und Menschlichkeit dazu nutzen, die Verbesserung unserer Welt umfassender zu begreifen. Nicht nur als bessere Technologie, sondern als bessere Lebensgrundlage.

 

Wir könnten das Verständnis von und für Technologie mit dem Bewusstsein für Nachhaltigkeit und der Erkenntnis des Wertes von Menschlichkeit verbinden!

 

Bei dem was auf uns zukommt, geht es immer weniger darum spezifische Fähigkeiten zu entwickeln und zu sich daran festzuhalten, als darum das Gesamtsystem im Auge zu behalten. Ökologische, ökonomische und vor allem auch soziale Nachhaltigkeit in unser Arbeitsleben zu integrieren. Für jeden einzelnen und für alle gemeinsam geht es darum Flexibilität zu verinnerlichen, Kreativität zu nutzen, um immer wieder frei und manchmal spielerisch neue  Kompetenzen zu erwerben und so die immer neuen Herausforderungen zu meistern.

 

Wir könnten an dem komplexen, aber gerade deshalb so wichtigen und erfolgsversprechenden Verständnis für das Gesamtsystem „Welt(wirtschaft)“ arbeiten – statt nur am kleinen Thema Technologie.

 

Doch dazu sollten wir den so (sur)realen Trump-Wahnsinn in vielen (auch hiesigen) Unternehmen überwinden. Wer eine Jobhistorie mit mehr als drei Chefs besitzt kann mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur von Narzissmus, Autokratie und Alleinvertretungsanspruch bezüglich neuer Wahrheiten berichten. Wo gibt es nicht auch Projekte, deren Status dem von Melonen entspricht. Von innen betrachtet tiefrot und von außen alles im grünen Bereich – „alternative Fakten“ lassen grüßen.

 

Die gute Nachricht – es geht. Man kann an den Themen Haltung und Verhalten arbeiten – wenn man sich traut in den Spiegel zu schauen, oder wenn der Druck von außen zu groß wird. Und wir leben in einer Zeit, in der es sowohl leichter wird den Spiegel zu Hilfe zu nehmen, als auch der Druck mit zunehmenden Geschwindigkeit wächst. VUCA lässt grüßen.

 

Die Digitalisierung fordert einen Technologiewandel in einem Bereich, der seit fast 100 Jahren kaum updates und upgrades erfahren hat: der Managementtechnologie.

 

Je mehr Manager und Führungskräfte sich von dem Glauben befreien, der Kopf der vielen arbeitenden Hände sein zu müssen, je klarer wird, dass die anderen Köpfe auch sehr kreative und zielführende Dinge denken können, je bewusster wird, dass man – auch in Unternehmen – gemeinsam mehr erreichen kann, als jeder alleine in seinem Kämmerchen, je mehr werden wir gemeinsam am Lösungen arbeiten können, die wirklich eine bessere Zukunft bedeuten. Eine bessere Zukunft für die Unternehmen, weil bessere Zahlen das Ergebnis besserer Arbeit ist. Eine bessere Zukunft für die Menschen, weil Arbeits-Leben dann mehr Sinn und Zufriedenheit mit sich bringen kann und eine bessere Zukunft für die Gesellschaft, weil mehr Sinn und Zufriedenheit vieler die Gemeinschaft stärkt.

 

Für all das brauchen wir (neben dem Zugang zum Silicon Valley, und den Technologien von dort) drei ganz einfache Dinge:

  • die mentale Freiheit Bildung und lebenslanges Lernen als etwas Positives zu erkennen, flexibel und neugierig zu bleiben,
  • die soziale Kompetenz uns in heterogenen, interdisziplinären, bunten, kreativen Netzwerken aktiv auszutauschen,
  • und den individuellen Mut aufeinander zuzugehen und uns gegenseitig auf dem Weg zu unterstützen.

 

Von diesen sehr individuellen Ankerpunkten aus können wir Verbindungen aufbauen, die Bereitschaft und Offenheit stärken auf allen Ebenen neu zu denken. Es entsteht der Raum der sowohl individuell als auch gemeinsam in Unternehmen und der Gesellschaft diese bessere Zukunft möglich macht. Denn am Ende geht es uns allen nur dann gut, in dieser Zukunft, wenn es jedem einzelnen besser geht.

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1 comment

  • Persoblogger Stefan Scheller

    Gefällt mir sehr gut. Der ungebrochene Glaube, die Technologie allein werde uns helfen ist geradezu fatal geworden. Dem im Beitrag gezeigten Verständnis schließe ich mich gerne und guten Gewissens an. Gut gedacht und gut geschrieben!

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