Das 9. Global Peter Drucker Forum, dass alljährlich die Management(vor)denker der Welt nach Wien lockt, hat sich in diesem Jahr das Leitthema „Growth & Inclusive Prosperity“ gegeben.

 

Wachstum & Wohlstand – nun ja, nichts neues sollte man denken. Wachstum hat in den Generationen, die jetzt ihr Arbeitsleben beenden oder schon hinter sich gelassen haben, meist dazu geführt, dass sie sich aus dem Nichts der Nachkriegszeit einen „ausreichenden“ individuellen Wohlstand geschaffen haben. So ausreichend, dass es für die nachrückenden Generationen immer unwahrscheinlicher wird, den gleichen Grad an Wohlstand zu erreichen oder auch nur ihn zu halten. Damit platzen für viele die Träume des „unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir“ und zugleich die Ambitionen die Eltern zu übertrumpfen. Die Träume lösen sich auf, zwischen dem trotz allem geschaffenen „Wohlstand“, der wachsenden Altersarmut, der zunehmenden Kinderarmut und der immer kleineren Zahl (lt. Oxfam inzwischen nurmehr 8) von Menschen, die 50% des Weltvermögens besitzen.

 

Oder auch nicht

Das Wachstums & Wohlstands Credo der Vergangenheit beruht dem Verständnis des persönlichen, finanziellen Wohlstands durch (unendliches) Wachstum. Einem Wohlstand, den in dieser Form schon lange nur noch für ein paar wenige gibt. Einem Wohlstand, der, wenn er denn real ist, aus dem Wachstum der Umsätze und Gewinne von Unternehmen entstanden ist und den dennoch Unternehmen und Individuen immer weniger erleben (vergleiche Harvard Business Manager, 8/2017, Seite 54 oder https://hbr.org/cover-story/2017/03/corporations-in-the-age-of-inequality).

 

Vielleicht ist es an der Zeit, sich an einen ganz andere Art von Wohlstandsdenken zu gewöhnen und den Begriffen eine neue, zukunftsgerichtete Bedeutung zu verleihen. Dazu sollten wir versuchen das große Bild wieder zu entdecken und zu verstehen, worum es heute tatsächlich geht.

 

Es geht IMHO um nichts weniger, als „Wohlstand“ als gemeinsamen überlebensbefähigenden Wohlstand (meiner erweiterten Übersetzung von „inclusive prosperity“) zu deuten. Einen Wohlstand, der sinnvolle (Über)Lebensfähigkeit auf planetarer und individueller Ebene in einer sich immer schneller verändernden, immer schneller zusammenwachsenden Welt mit immer größeren, weltumspannenden, sozialen und wirtschaftlichen Spannungen und Herausforderungen verspricht. Einen Wohlstand, der damit zwar von Weltgegend zu Weltgegend anders aussieht, aber überall ein sicheres und stabiles Zusammenleben (und -arbeiten) ermöglicht.

 

Mittendrin – alte und neue Unternehmen

Unternehmen sind sowohl Spiegelbild als auch Kern unserer Kultur und Gesellschaft. In Unternehmen – gerade in denen, die sich ein umfassendes Neudenken von Geschäfts- und Managementmodellen bereist erlauben – erproben und erleben wir eine Kultur des Zusammenwirkens, erleben wieviel Einfluß und Mitsprache wir haben und nehmen das so Erfahren mit raus ins (private) Leben. Die in den Unternehmen (vor)gelebten Zusammenarbeitsmodelle prägen damit unsere Gesellschaft und die Chancen auf gemeinsames & individuelles Wachstum und (gemeinsamen) nachhaltigen Wohlstand.

 

Wer genau hinschaut erkennt, dass sich diese Veränderung beginnt auch jenseits der „leading edge“ Vorreiter ihren Weg zu bahnen. Eine Veränderung, die sich als neue Geschäftsmöglichkeit oder digitales Geschäftsmodell tarnt und die uns, einfach weil wir im alten Denken verhaftet und damit sonst diesen Geschäftsmodellen ihre Lebensfähigkeit rauben, in vielem auf eine neue Stufe hebt. Ob wir es wollen oder nicht.

 

Wo „das Digitale“ auf Wirtschaft und Unternehmen trifft, verändern sich die Grundlagen von Wohlstand und Werten und geben nicht zuletzt dem Begriff „Wachstum“ einen neuen Kontext.

 

Früher ging es um Profit, heute um Chancen

In der alten, analogen Wirtschaftswelt war groß und wichtig, war Investitionsziel und Wachstumsgarant, wer eine gute Infrastruktur besaß, seine Services erfolgreich im Markt platziert hatte und damit Profite machte. In der „neuen“ Welt digitaler Geschäftsmodelle ist attraktiv, wer Wachstum, wer Chancen und wer (realisierbare) Hoffnungen verspricht. Die neue Welt, so scheint es, glaubt mehr an Potenziale als an Effizienz. Sie glaubt mehr an das, was in Unternehmen stecken könnte, als das was Unternehmen bereits realisiert haben. Sie glaubt damit auch mehr an das, was in den Menschen in den Unternehmen steckt, an die Potenziale verknüpfter Kreativität und verbesserter Zusammenarbeit durch gemeinsame Ziele und Werte, als an die Optimierung normierter Abläufe und maschinell verstärkter Muskelkraft.

 

Wo früher Steuerung, Kontrolle, Weisung und Wissen dominierte, wo wir in Modellen arbeitslebten, die wir Bürokratie und Meritokratie nennen, zählt heute Agilität, Flexibilität und Freiraum. Das „Selbst-“ als Selbstverantwortung, Selbstvertrauen, Selbstorganisation, Selbstwirksamkeit und Selbstwahrnehmung ist – kontraindikativ – zugleich das Leitmotiv für intensiveren Austausch und Zusammenarbeit. Es ist das Credo der Adhoc-kratie, des agilitätsgetriebenen, reaktiven, dynamischen Managementmodells unserer Zeit. Wo früher geplant, durch- und umgesetzt wurde, steht heute der Kunde im Fokus, wird er in jeder Entwicklungsstufe befragt und ist begeisterter (oder enttäuschter) Beta-Tester. Wo früher 100% Qualität gefragt war, steht heute die Tür auf für 100% zusammenwirken. Wo früher Profite und Wachstum im Vordergrund standen, wo exklusive Produkte bedeutsam waren, geht es heute darum Kunden Erlebnisse zu bieten, die sie begeistern. Es geht darum langfristig, idealerweise emotionale Bindungen aufzubauen, die die Stakeholder auch dann beim Unternehmen halten, wenn der Wettbewerber zunehmend gleiches bietet.

 

Paradigmenwechsel von der Steuerung zur Wirkung

Adhoc-kratie ist dabei nichts weniger als der erste Schritt zu einem Paradigmenwechsel. Einer Entwicklung, weg vom Glauben an die Macht der Steuerung, hin zu Bewusstsein der Bedeutung von „Einfluß und Wirkung“. Einer Wirkung, die sich dann besonders gut bis in den Wahrnehmungsraum der Kunden entfaltet, wenn neben der Agilität in der Umsetzung, der Flexibilität in der Individualisierung auch die Chance zur aktiven Beteiligung, zur Offenheit und Vielfalt gegeben ist – bei Mitarbeitern, wie beim Kunden.

 

Wo bislang der wachsende Wohlstand der Shareholder im Fokus stand, führt der neue Weg Wohlstand zu sichern über das gemeinsame Wohl der Stakeholder, das Wohl von Kunden, Mitarbeitern, Investoren bis hin zum Wohl der in Kreisökonomien nachhaltig immer wieder genutzten Ressourcen. Ein Weg zu mehr Sinn, Zugehörigkeit, einer stärkeren Wahrnehmung des eigenen Beitrags, zu mehr Nachhaltigkeit im starken, sozialen, ökonomischen & ökologischen Sinn, zu mehr Wirkung durch Erlebnisse und den geleisteten gesellschaftlichen Beitrag und damit zu einem neuen Managementverständnis, das ich „Impacracy“ nenne.

 

Neues Wachstum mit alten Ressourcen

Wer in Zukunft individuellen Wohlstand für sich schaffen und erleben möchte, muss zugleich den nachhaltigen gemeinsamen Wohlstand im Auge haben. Wohlstand der aus den Unternehmen auch auf die Gesellschaft wirkt und hier mehr Chancen, Möglichkeiten und damit Wachstum schafft. Wachstum an miteinander, Wachstum an Lebens- und Überlebensfähigkeit.

 

Der Weg zu dieser neuen Art von gemeinsamem Wohlstand führt für die Unternehmen, die Menschen darin und vor allem die heutigen Top-Entscheider über die Bereitschaft zu mehr Offenheit, Transparenz, Vernetzung und Austausch. Dies sind die Komponenten, die es erlauben, dezentral organisierte Gemeinschaften aufzubauen, die gemeinsam mehr erreichen können. Welches Potenzial dies hat, sieht man an Projekten wie Wikipedia, dem MIX (Management Innovation eXchange) von Gary Hamel, in Social Media Comunities, im Crowdfunding oder an Unternehmungen wie Buurtzorg oder auch W.L.Gore.

 

Die kostengünstig vernetzte, dezentrale Logik solcher Ansätze ist, was digitale Geschäftsmodelle fordern und fördern. Sie (r)evolutionieren bereits in der Energie- und Finanzwirtschaft alte analoge Branchen. Die Logik kann in der Zukunft jedoch genauso die marktdominanten digitalen Kolosse zur Arbeit an mehr gemeinsamen statt individuellem Wohlstand bewegen – etwa, wenn sich ein paar „mutige“ aufmachen und mit offeneren Technologien wie Blockchains Datensammeln und -verwertung kostengünstig und freier machen.

 

Dann – spätestens – werden wir den Blick nach oben richten können, um nach dem wirtschaftlichen Wohlstand auch den weltweiten Wohlstand erkennen zu können, der es bedeutet auf einem Planeten in einer Umwelt zu leben, der geeignet ist Menschen das Überleben zu ermöglichen.

 

Dann spätestens werden wir da sein, wo Peter Drucker vor Jahrzehnten bereits hindeutete, in einer Welt, die verstanden hat, dass sie auf der begrenzten Ressource Erde nur gemeinsam überleben kann.

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