Kann man sich Arbeiten 4.0 auch backen?

Gestern fragte Bastian Wilkat alias „The New Worker“ auf Twitter:  “New Work ist nichts für Rezeptsuchende. Oder?”New Worker tweet

Sie sehen, meine Antwort war ein klares Jain. Natürlich gibt es Rezepte und Konzepte, sogar sehr gute, wie ich finde (drum beginne ich ja auch diese auf „small steps – big impact“ zu sammeln). Deren Anwendung ist aber IMMER organisationsindividuell. Kopiervorlagen gibt es nicht.

Schnell kam ich damit die Analogie zum Brotbacken. Ich backe fast so gerne mein Brot selbst, wie ich leidenschaftlich am Thema Arbeiten 4.0 arbeite. Und ich hatte ohnehin schon länger die Idee Führungskräfte- und Unternehmenskulturförderung mit einem Brotbackworkshop zu kombinieren.

Aber wie komme ich darauf, dass es da Analogien gibt?

Haben sie schon einmal ein selbst gebackenes Brot gegessen?

Sicher kennen Sie das „Industriebrot“, aus Großbäckereien, dass es heute in all den Backfilialen in den Supermärkten zu hauf zu kaufen gibt – immer gleich im Geschmack, immer gleich in der Form, lange haltbar –  standardisiert und normiert halt – immer die gleiche Qualität. Zu beurteilen, ob’s auch gute Qualität ist überlasse ich ihnen selbst.

Und einige von Ihnen kennen vielleicht noch die eine oder andere kleine Bäckerei, in der auch heute noch tatsächlich jemand früh morgens aufsteht, um anschließend die Backstube und den Verkaufsraum mit dem Duft von frisch gebackenem zu erfüllen.

Brot backen ist eine einfache Angelegenheit. Im Prinzip nicht mal kompliziert und sicherlich nicht komplex. Und gerade weil es im Grunde so einfach ist, ist das eigene Brot zu backen eine wirklich spannende Erfahrung für jeden, der sich mit Menschenführung oder Organisationsgestaltung – auch und gerade in Kontext Arbeiten 4.0 – beschäftigt.

Wenn Sie den Versuch wagen wollen, gönnen Sie sich den Spaß: Backen Sie nicht nur einmal, backen sie mindestens zweimal.
Beim ersten mal kaufen sie die Zutaten im Supermarkt. Nehmen sie ruhig die günstigen Angebote. Mehl ist schließlich gleich Mehl – alles ist ersetzbar. Oder kaufen Sie sich gleich eine Backmischung. Und dann backen Sie streng nach Rezept und halten alle Vorgaben genau ein. Keine Abweichung – möglichst viel mit der Maschine/dem Mixer machen. Bloß nicht hinsehen und darauf eingehen, was der Teig gerade so braucht. Ist doch nur Mehl. Was soll da schiefgehen.

Beim zweiten mal achten Sie darauf, was sie tun.

Kaufen Sie Mehl, dass kalt gemahlen wurde. Das Mehl beim Discounter um die Ecke stammt meist aus Mühlen, die auf Ertrag optimiert sind und daher mit hoher Geschwindigkeit mahlen. Dabei wird das Mehl vergleichsweise warm – und verliert an Nährstoffen und an Geschmack. Und verwenden Sie frische Hefe, mindestens aber Marken-Trockenhefe. Ansonsten kommt ja eigentlich nicht viel in den Teig – Wasser und Salz – dabei kann man tatsächlich wenig „falsch“ machen.

Ach so – eine Frage stellt sich noch. Welches Brot soll’s denn werden? Welche Getreideart bevorzugen Sie? Ein leckeres Weißbrot (je feiner das Mehl ist – man(n) erkennt es an der Typisierung: je kleiner die Zahl, desto feiner und wiederum nährstoffärmer das Mehl), ein herzhaftes Roggen-Sauerteigbrot, oder ein Vollkorn Dinkelbrot. Möchten Sie es als Landbrot eher rustikal, oder als Toastbrot und damit etwas “saftiger”?
Es lohnt sich mit ein paar grundsätzlichen Überlegungen zu starten.

Glauben sie eigentlich, dass alle Menschen in Ihrer Organisation gleich sind? Dass man alle vollständig gleich behandeln und ebenso einfach ersetzen kann? 

Spannend ist wiederum, dass die meisten Rezepte Variationen immer wieder ähnlicher Grundrezepte sind. Und auch die Zutaten sind (zumindest für die Hausbäcker) immer sehr ähnlich. Mehl, Hefe, Wasser, Salz, manchmal Milch und Butter. Auch und wenn es ein süßes Brot odergar ein Zopf oder Blatz werden soll natürlich Zucker. In dem Fall kann man auch mal Milch und Butter durch Sahne ersetzen.

So – und jetzt geht’s los. Alles in den Mixer und dann in den Ofen

Halt nein, einen Moment. Kann man machen, muss man aber nicht. Wie jedes Mehl anders ist, ist es auch jeder Teig. Manchmal braucht man mehr Wasser, manchmal muss man noch etwas länger kneten. Am besten sowieso mit der Hand, denn dann kann man den Teig spüren und gibt – falls man mit Hefe backt, und auch ein Sauerteig basiert auf Hefe – den Hefekulturen ein wenig Wärme, das mögen sie. Der Mixer zerrupft den Teig mehr als dass er ihm Festigkeit und die Flexibilität gibt.

Und dann… ruhen, gehen lassen.. dem Teig und den Kulturen Zeit geben. So entsteht Volumen und nicht zuletzt Geschmack. Ein über Nacht im Kühlschrank gegangener Teig schmeckt anders als einer, der abgedeckt in der Sonne stand.

Und dann – das Ganze noch einmal. In der Ruhe liegt auch hier die Kraft.

Aber dann, ab in die Form und in den Ofen. Aber Achtung, auch hier gilt: jedes Umfeld, ich meine jeder Ofen ist anders. Die Regler und Temperaturfühler reagieren anders, Ober- und Unterhitze backen ein Brot anders als Umluft. Und dazu noch ein wenig Feuchtigkeit, damit die Kruste hübsch braun und knusprig wird.

Dann – ja dann ist das Brot fertig.

Wie sieht es eigentlich mit den Stakholdern Ihrer Organisation aus? „Funktionieren“ die auch alle gleich? Wie ist das mit den Strukturen und Prozessen. Kommt da immer das gleiche raus, egal an welchem Regler sie gerade drehen?

Wundern Sie sich dann bitte nicht, wenn das Brot schnell gegessen wird. Bei uns findet selbst gebackenes Brot ca. doppelt so schnell seinen Weg in unsere Esser, wie das gekaufte. Es macht einfach mehr Spaß es zu essen, es schmeckt ganz anders und nicht zuletzt merkt man, dass da jemand mit Ruhe, bedacht und „Liebe“ am Werk war.

Was das alles mit Arbeiten 4.0 zu tun hat?

Es sind vielfach die gleichen Grundrezepte die zu sehr unterschiedlichen Organisationsstrukturen, -kulturen und Abläufen führen. Dabei sind es häufig die gleichen und doch so unterschiedlichen Zutaten.

Aber wie die Mehle verschieden sind – manchmal mehr Wasser brauchen, manchmal weniger, manchmal mehr Geschmack geben, manchmal schwerer zu kneten sind – so sind auch die Menschen verschieden, brauchen mal mehr und mal weniger Raum, Freiheit und  Führung. Die Menschen und der Umgang mit ihnen – das macht den Unterschied aus.

Und wie die Öfen verscheiden sind, sind die Stakeholder und Rahmenbedingungen immer andere. Immer gilt es die Elemente eines (dann doch) komplexen Systems miteinander in Balance zu bringen, damit am Ende eine Organisation entsteht die „schmeckt“, die Lust macht auf mehr, die Dinge hervorbringt, die begeistern.

Und noch ein Punkt. Auch Brotrezepte, die am grünen Tisch entstanden sind, funktionieren im allgemeinen nicht. Das soll bei Organisationen ja ganz ähnlich sein.

Wenn Sie die Analogien erkannt haben freut es mich. Wenn nicht… In jedem Fall freue ich mich über einen Kommentar oder eine e-mail.

Falls sie jetzt Lust haben: Ich habe Ihnen ein Rezept für ein Dinkel-Toastbrot angehängt. Mein Lieblingsbrot. Schnell und einfach gemacht und doch lecker.

BäckereienVon den kleinen Bäckern gibt es übrigens immer weniger. Nicht weil das „Industriebrot“ besser schmeckt, sondern weil wir die billigere Industrieware scheinbar lieber essen – nur, tun wir das wirklich? Und arbeiten wir selbst auch lieber und besser in …..

 

 


Rezeptvorschlag für ein Vollkorn-Dinkel Toastbrot:

Sie brauchen:
375 gr. Weizenmehl Type 1700
375 gr. Dinkelvollkornmehl
450 gr.(ml) Wasser
75 gr.(ml) Vollmilch
30 gr. frische Hefe, oder 1 1/2 Päckchen Trockenhefe
20 gr. Salz
15 gr. Butter
2  ca. 20 cm lange Kastenformen,
etwas Butter zum einfetten der Formen
etwas Mehl zum ausrollen und „anpassen“ der Teiges

Und so geht’s:
Die Butter, das Mehl, die Hefe und das Salz (mit dem Mixer) vermischen und nach und nach die Flüssigkeit zugeben und einkneten.

Solange kneten (zunächst 3-4 min mit dem Mixer, dann am besten mit der Hand) bis die Oberfläche glatt wird und der Teig sich, wenn man ihn ein wenig eindrückt, wieder selbst in Form bringt. („gute“ Organisationen sind ebenso stress- und druckresistent). Es kann notwendig sein ein wenig Wasser oder ein wenig Mehr hinzuzufügen – manchmal auch abwechseln beides, bis die richtige Konsistenz entsteht.

Den Teig dann in einer Schüssel mit einem Küchentuch abgedeckt eine Stunde an einem ruhigen und warmen Platz gehen lassen.

Den Teig aus der Schüssel heben (dafür eignet sich am besten eine sog. „Teigkarte“), in 2 gleich große Stücke teilen und beide durchkneten. Dabei mit dem Handballen eine Kuhle bilden und den Teig dann wieder aufeinander klappen. Die Teigstücke jeweils zu einem kleinen Laib formen und in die Kastenform legen. Wieder für eine Stunde abgedeckt stehen lassen. Vorsicht, es kann sein, dass der Teiig aus der Form wächst. In diesem Fall dies entweder zulassen, oder einen Deckel aufsetzen und diesen beschweren. (ich lasse den Teig dann immer gerne weiter wachsen.)

Den Ofen in dieser Zeit auf 250°C vorwärmen.

Nach der Gehzeit die Formen mit einer Alufolie abgedeckt in den Ofen schieben und die Temperatur auf 220°C (Umluft – bzw. ca. 240°C für Ober- und Unterhitze) reduzieren. So zugedeckt  20 – 25 min backen lassen. Dann die Folie entfernen und noch 4-5 Minuten bräunen. Anschließend aus dem Ofen nehmen, aus der Form lösen und abkühlen lassen.

Sie können das Toastbrot jetzt natürlich frisch essen. Ich kann meist ca. 24 Scheiben daraus schneiden. Wenn dies zuviel für eine Mahlzeit ist, können Sie das Brot bzw. die Scheiben auch gut einfrieren – ab besten wenn es gerade abgekühlt ist.

Falls Sie vergleichen möchten:
In einem gekauften Weißbrot stecken (zumeist):
Weizenmehl, Wasser, Hefe, Salz, Essig, Dextrose, Sojamehl, Pflanzenöl, Emulgator, E472e (Ester von Mono- und Diglyceriden der Speisefettsäuren), Antioxydationsmittel E 300 (Ascorbinsäure), Konservierungsmittel Sorbinsäure (gegen Schimmelbefall)

Selbst gebackenes Weißbrot enthält:
Weizenmehl, Wasser, Hefe, Salz.

Viel Spaß beim backen. 


 

Zusammenfassung:

Gibt es Rezepte für Arbeiten 4.0? Nein, denn Arbeiten 4.0 – ist zwar ein wenig wie Brot backen, aber auch Brot gelingt besser, wenn man sich zwar an die Grundrezepte hält, aber dann auf die Ingredienzien eingeht und ihnen Raum gibt.

1 comment

  • Stefan Verhey

    Hallo Guido,

    eine gute These und eine schöne Analogie, die verdeutlicht, wie das funktioniert mit Best Practice und so.
    Zwischen Schwarzbrot und schwarzem Brot gibt es auch einen erheblichen Unterschied.

    Viele Grüße
    Stefan

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