Intensiv oder lieber oberflächlich? Haben Beziehungen Zukunft?


Wir leben in einer Welt voller Beziehungen – und ständig kommen neue hinzu. Persönliche Beziehungen , Kundenbeziehungen, Geschäftsbeziehungen die wir über Treffen, Gespräche, Einkäufe, Bestellungen, Informationsaustausch usw. starten, pflegen und oft nicht mehr beenden.
Klar, wir haben unsere Freunde und wollen sie „behalten“, die hatten wir doch zum Teil schon schon „immer“, angefangen mit Kindergarten und Schule. Die einen treffen wir noch heute täglich, die anderen nur mal kurz alle paar Jahre. Mit manchen verstehen wir und blind, teilweise braucht es viele Worte. Aber manchmal sind Beziehung auch lästig und machen so gar keinen Spaß, da denke ich nur an den Nachbarn, der so ganz Vorstellungen hat als man selbst oder an den Kollegen, der so ganz anders denkt.
Fakt ist: Wir können weder als Individuum, und noch weniger als (Teil einer) Organisation frei wählen mit wem wir in eine Beziehung eingehen wollen. Aber wir können frei wählen, wie wir mit diesen Beziehungen umgehen und welche (emotionale) Qualität wie ihnen geben. Als Individuum, wie auch als Organisation.

Beziehungen 2005

Beziehungen waren vor 10 Jahren in der Masse noch mit einem sehr realen Kern behaftet. Wir telefonierten miteinander schickten SMS, Briefe oder (die High-Tech Freaks) e-mails. Als Kunde betraten wir einen Laden und ließen uns beraten. Einige wenige bestellten schon Waren online. Das war im Berufsleben nicht anderen. Meetings, Telefonate, e-mail und Fax waren Grundlagen für Kommunikation und Interaktion. Die emotionale Qualität dieser Beziehungen war oft nebensächlich. Es ging schließlich ums Geschäft – und Business kannte keine Emotionen.

Und heute?

Heute unterscheiden wir zwischen Freunden, Geschäftskontakten, Facebook-Freunden, Twitter-Followern – letztere diejenigen mit denen wir unsere Emotionen und Gedanken über Social Media teilen. Und – wir sind „mobil“ geworden – auch „mit“ unseren Beziehungen. Smartphones haben Social Media noch einmal einen enormen Aufschwung beschert. Endlich können wir schnell mal schauen, was die „Freunde“ so tun, ohne an einen Rechner „gebunden“ zu sein. Die Häufigkeit von Kommunikation ist so auf ein bislang unvorstellbares Maß gewachsen. 
Und die direkte Interaktion? Sie wurde um den Faktor „Video“ bereichert. Skype, Google-Hangout und Facetime (um nur ein paar zu nennen) geben den Freunden und zunehmend auch den Gesprächspartnern immer mehr ein Gesicht.
Jedoch stellen wir gleichzeitig fest, dass Häufigkeit und Sichtbarkeit nur bedingt auch Tiefgang und Emotion bedeuten. Die Negativvariante davon kennen wir auch: Shitstorms gibt es zwar – nachhaltig wirksam sind sie aber immer seltener.

Wenn wir bewusst reflektieren stellen wir fest, dass die Qualität von Beziehungen vielfach abgenommen hat – im individuellen wie in der Wirtschaft. Zu leicht sind auch hier Geschäftspartner austauschbar. Es geht ja darum mit der Geschwindigkeit und Dynamik der Veränderung klar zu kommen, da bleibt halt mancher B2B Partner auf der Strecke, wenn sich ein neuer mit voller Kommunikationsbreitseite ins Geschäft drängt.
Denn Emotionalität und Empathie sind im Business noch immer ausserhalb der Grund- und Glaubenssätze angesiedelt.
Und doch – es verändert sich. Der Mangel wird sichtbar und einige erfolgreiche Unternehmen machen vor, wie wichtig und gewinnbringend Emotionen und Empathie im Geschäftsleben sein können. Firmen die wie Ikonen die Gläubige oder wie Sportvereine die Fans anziehen. Die zum Beispiel nicht nur ihren B2B Partnern Zugang zu ihren Geschäftsgeheimnissen geben und die ganz im kleinen, im Betrieb, Transparenz und Offenheit pflegen – weil sie verstanden haben, dass Menschen eben doch auch emotionale Wesen sind.

Was sind die Grundlagen (guter) Beziehungen?

Beziehungen – wenn ich mal die außer acht lasse, in die wir hineingeboren werden – fußen (ganz Pareto) auf 20% Sachbezug und 80% emotional „be“-/„auf“-gewerteter Wahrnehmung. Das war (wahrscheinlich) immer so und wird auf absehbare Zeit so bleiben. Das ist Herausforderung und Chance zugleich.
Ob auf persönlicher, gesellschaftlicher oder wirtschaftliche Ebene – eine „gute“ Beziehung fußt immer auf gleichen Interessen und einer kongruenten Wahrnehmung von Ereignissen. Sie braucht Vertrauen und Verbundenheit. Und: Sie hat immer einen emotionalen Kern. 
Und um noch einen drauf zu setzen: Die „besten“ Beziehungen basieren auf blindem Verständnis.

Allerdings herrschen gerade in dem Bereich, mit dem wir die meiste Zeit verbringen (der Arbeit) Misstrauen und Mangel an Verständnis für den anderen und das Umfeld vor. Perspektivwechsel, die so viel an Verständnis bringen könnten sind eher unbeliebt. Das Lösungselement: „Emotionales Verständnis“ (und damit Vertrauen, Verlässlichkeit und Verbundenheit) ist nicht vorgesehen. Das bremst den Erfolg – oder verhindert ihn ganz. Niemals jedoch fördern schlechte Beziehungen Erfolg. 
Dabei gilt: Tiefe, gefestigte Beziehungen und damit z.B. mehr Emotionalität helfen deutlich mehr als sie schaden können.

Und wie kann es weitergehen?

Egal welche neuen Kommunikationsmöglichkeiten die Zukunft bringt – die Qualität von Beziehungen wird (auch) für den Geschäftserfolg von zunehmender Bedeutung sein. Dabei geht es nicht „nur“ um die Themen, die heute schon mit CRM, IR, HR, Vertrieb, Lobbying, Vendor Relations etc. – vor allem auf der Sachebene – bedient werden. Zunehmend werden alle Stakeholder (feste und temporäre Mitarbeiter, Investoren, Führung, Kunden, Bewerber, Geschäftspartner, das regionale und soziale Umfeld und nicht zuletzt die Gesellschaft) ihren „fair share“ an guter Beziehung zu einem Unternehmen erwarten und in gewisser Wiese auch „einfordern“. Sei dies über ein Abstrafen, weil man sich schlecht behandelt oder hintergangen fühlt, oder andereseits durch positive Bewertungen und Empfehlungen bzw. durch die Vertiefung des Kontakts.

Dies gilt gerade auch im Bezug auf die „innere Beziehungsebene in Organisationen“. Um mit positiver Energie arbeiten zu können und im Idealfall entspannt in den „Flow“ zu geraten brauchen wir – in genau diesem Moment der intensiven Arbeit – ein intaktes Beziehungsumfeld. Leadership und (meist) neue Arten der Führung sind hier die (neuen & alten) Stichworte.
Ausschlaggebend werden „neue alte“ Tugenden sein wie Vertrauen, Verbundenheit, Offenheit und Transparenz. Echte, authentische Beziehungen und Möglichkeiten zur Partizipation (d.h. der Teilnahmen, derTeilgabe und damit der Teilhabe) werden die Spreu vom Weizen trennen. Alles Dinge, die in den Grund- und Glaubenssätzen der letzten Jahrzehnte eher ausgespart wurden und die aus heutiger Sicht, den Mut erfordern sich (vorbehaltlos) zu öffnen.
Doch gerade jetzt ist es Zeit die Renaissance der Qualität (statt der Quantität) von (Arbeits-)Beziehungen beginnen zu lassen.


Fragen zur Reflektion auf Individueller Ebene:

  • Wie bewusst baust Du Beziehungen auf und wie pflegst sie?
  • Welche Beziehungen schätzt Du am meisten, was investierst Du in diese?

Fragen zur Reflektion auf organisationaler Ebene:

  • Wie sehen Ihre Beziehungen zu den Stakeholdern der Organisation aus?
  • Sind es aktive Beziehungen, die auf einen Austausch von Wissen und Erfahrungen bauen, oder nutzen diese eher passive unidirektionale Kommunikation?
  • Welche Arten an Beziehungen unterstützen die erfolgreiche Umsetzung der eigenen Vision am besten?

Wenn Sie Ihre Stakeholder Beziehungen eingehenden Betrachten wollen empfehle ich das 3-Circles Modell.