Auszug aus “Wir sind Chef”

“Für das Verständnis der Qualität von Regeln bietet sich erneut das Beispiel Verkehr an. Eine recht einfach zu verstehende und zu befolgende Regel in vielen Ländern lautet: Rechts vor links. Sie ist in drei Worten beschrieben und schnell erlernt. Der Großteil der Verkehrsteilnehmer ist geübt darin, diese Regel einzuhalten. Diese organisiert den Verkehr an sonst ungeregelten Kreuzungen hinreichend. Falls mehrere Verkehrsteilnehmer gleichzeitig die Kreuzung erreichen, hat sich zusätzlich der Blickkontakt zur Abstimmung des Vorrangs eingebürgert.

 

Die Anfänge dieser Verkehrsregel gehen zurück auf die Zeit, als das Pferd das dominierende Transportmittel war. Die vornehmlich männlichen Verkehrsteilnehmer trugen das Schwert auf der linken Seite, so war das Besteigen des Pferdes von links einfacher. Das Besteigen des Pferdes war zudem vom Straßenrand sicherer als von der Mitte einer Straße, so bürgerte sich der Linksverkehr ein.

 

In Frankreich setzte sich mit zunehmender Dominanz der Kutsche der Rechtsverkehr durch und Napoleon verbreitete diesen durch seine Feldzüge in ganz Europa. Er übersah allerdings, die Rechts-vor-links-Regel ebenso zu spiegeln: Es blieb dabei, obwohl die Seiten des Verkehrs gewechselt hatten. Ein vermeintlich kleines Versehen, dessen Auswirkungen spürbar werden, wenn man in einem Land mit Linksverkehr Urlaub macht. Dort herrscht entgegen der nachvollziehbaren Erwartungen in den meisten Fällen dennoch die Rechts-vor-links-Regel.

 

Die Auswirkungen sind nicht zu unterschätzen. Stellen Sie sich vor, in unserem Rechtsverkehr würde die Links-vor-rechts-Regel gelten, also umgekehrt zu heute. Auf einer Vorfahrtstraße müsste man nicht für jede einmündende Straße ein Vorfahrt-gewähren-Schild anbringen. Alle einmündenden Straßen kommen jeweils von der rechten Seite und wären automatisch nachrangig. Im Kreisverkehr müsste nicht jede einmündende Straße mit einem Vorfahrt-gewähren-Schild ausgestattet werden, da sie von rechts kommt und damit automatisch durch die allgemeine Links-vor-rechts-Regel nachrangig wäre. Die Qualität von Regeln zeichnet sich nicht nur durch deren Einfachheit aus.  Sie zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie nur wenige Ausnahmen benötigt, um verschiedenen Situationen gerecht zu werden. Rechts-vor-links ist genauso einfach wie Links-vor-rechts. Dennoch benötigt Links-vor-rechts in einem System des Rechtsverkehrs deutlich weniger Ausnahmen. Damit wäre die Links-vor-rechts-Regel eigentlich besser geeignet.

 

Ein weiteres Beispiel für die Qualität von Regeln ist das Linksabbiegen bei Kreuzungen. Bei Rechtsverkehr wurde an Kreuzungen konsequenterweise rechts aneinander vorbei gefahren. Entgegenkommende Fahrzeuge, die beide links abbiegen wollten, mussten zweimal kreuzen. Nach dem zweiten Weltkrieg führten die Besatzungsmächte das tangentiale Abbiegen ein, bei dem Linksabbieger links aneinander vorbeifahren. Diese Innovation steht zwar im Widerspruch zum Rechtsverkehr, jedoch erhöht sie die Kapazität von Kreuzungen nachhaltig.”

 

Der Buchauszug stammt aus dem Blog der Wirtschaftswoche. Hier geht’s zum Original.