Als Johannes Keppler vor ca. 450 Jahren die Daten von Tycho Brahe und Galieo Galilei analysierte und ein neues Weltbild (re)formulierte, stand die Welt für viele plötzlich auf dem Kopf. Man hatte sich in den Jahrhunderten zuvor so sehr an die Richtigkeit des ptolemäischen, geozentrischen Weltbilds geglaubt, dass sogar die teils rückläufig beobachteten Bewegungen der übrigen Planeten so in Formeln eingepackt wurden, das alles ins Konzept und die gefestigten Vorstellungen passte.

 

Keppler nutzte dazu die damals modernsten Werkzeuge, wie das Galileo-Teleskop, die besten verfügbaren Datensätze in Form der Beobachtungsergebnisse von Tycho Brahe und seinen scharfen analytischen Verstand. Er betrachtete, zog Schlüsse, experimentierte und interpretierte. Er nutze Möglichkeiten und “Big data” seiner Zeit um neue Erkenntnisse zu erhalten und zu kommunizieren.

 

Kepplers Erkenntnisse sorgen für einen Aufschrei unter jenen, die ihre Macht und Deutungshoheit gefährdet sahen. Andere, die ihren Einfluss demonstrieren wollten, indem sie, gegen den Zeitgeist, die neuen Erkenntnisse unterstützen, pokerten darum auf diesem Weg mehr Macht zu bekommen.

 

Das neue Wissen und der Glaube an das heliozentrische Weltbild, führte langfristig zwar zu einem fundamental neuen Verständnis der Welt und des Universums, war aber in den ersten Jahr(hundert)en vor allem ein Spielball der Mächtigen.

Frederick Winslow Taylor, der Ptolemäus des Managements?!

In dem, was heute in Unternehmen als Management-, Führungs- und Organisationsstruktur gelebt wird, ist immer noch viel von dem zu erkennen, was vor gut 100 Jahren von einem erdacht wurde, der die damaligen „state of the art“ Erkenntnisse als “Scientific Management” in ein Buch gefasst hat: Frederic Winslow Taylor. Lange Zeit galten seine und die darauf aufbauenden Arbeiten, als das logischste, sinnvollste und pragmatischste Vorgehen, um Unternehmen zielgerichtet zu organisieren. Es war ein prozesszentriertes Bild, in dem die Abläufe und dazu benötigten “Werkzeuge”, Maschinen genauso wie Menschen, den Fokuspunkt bildeten. Alles wurde einem strukturieren Ablauf untergeordnet. Ein Vorgehen, dass dem vorherigen deutlich überlegen war und zugleich ausreichte, um in regionalen Märkten mit lokal agierenden Kunden gute Erträge zu erzielen.

 

Mitte der siebziger Jahre, parallel mit den Anfängen eines sich verstärkenden globalen Handels (auch von Aktien) wurde der Shareholder Value mit seinem ergebniszentrierten Weltbild der Treiber wirtschaftlicher Entwicklung. Statt der Abläufe und Werkzeuge rückten die Finanzergebnisse in den Fokus. Diese bisherigen Treiber wurden dem neuen untergeordnet und Effizienz zum Credo der Unternehmensführungen. In einem Anbietermarkt mit vor allem regional interagierenden Kunden fiel es vielen Unternehmen leicht sich so weiter zu verbessern.

 

Digitalisierung – das Galileo-Teleskop unserer Zeit

Heute sind Kunden global ebenso vernetzt und in Kommunikation und Interaktion mit anderen, wie Unternehmen, manchmal deutlich intensiver. Die Digitalisierung hat eine Vernetzung möglich gemacht, die es jedem Interessierten erlaubt, ähnlich, wie vor Jahrhunderten das Galileo-Teleskop erlaubt, neue Informationen zu sammeln, erhalten und zur Gewinnung neuer Erkenntnisse und Erfahrungen zu nutzen.

 

Mit der Vernetzung haben sich die Verhaltens- und Haltungsmuster vieler Nutzer digitaler Kommunikationsmittel wesentlich verändert. Mit ihnen treten Dinge in den Vordergrund der Arbeitsplatzwahl und -situation, die vor 10 Jahren für viele noch keine Relevanz besaßen. Das Arbeitsweltbild verändert sich mit der Digitalisierung, mit neuen Anforderungen der Kunden und Mitarbeiter etc. dramatisch.

 

Immer mehr Unternehmen realisieren, dass Sie an den Strömungen “Digitalisierung” und “Agilität” nicht vorbeikommen. Sie realisieren, dass eine Abkehr von den ehemaligen Managementparadigmen dringen notwendig ist, dass der Shareholder Value gegen den Stakeholder Willen verliert. Sie realisieren, dass sie nur dann im Markt bestehen können, dass sie nur dann effektiv und effizient ihr Angebot, ihre Produkte und Services vermarkten und weiterentwickeln können, wenn sie den Mensch, in den Fokus ihres Weltbilds rücken.

 

Die technologische Entwicklung globaler, digitaler Kommunikationsmöglichkeiten hat den Menschen, vor allem die Kunden und Mitarbeiter, in den Brennpunkt des Weltbildes zeitgemäß agierender Unternehmen gestellt.

 

Aus der Perspektive ergebnisorientiert aufgebauter Management- und Organisationsstrukturen bedeutet diese Weiterentwicklung des Weltbildes ähnliches, wie vor 450 Jahren die Verbreitung des heliozentrischen Weltbildes. Einige fürchten den Verlust von Deutungshoheit und Macht, andere fokussieren auf das neue und wagen sich an die Weiterentwicklung ihrer Strukturen. Sie haben verstanden, dass mit der Erkenntnis, mit den neuen Möglichkeiten, kein zurück mehr gibt und allein die Flucht nach vorne erlaubt den Status Quo des Unternehmens im Markt zu festigen, selbst wenn dies zu einer Veränderung der persönlichen Situation führt. Wie vor 450 Jahren bedeutet ein Festhalten am “bewährten”, hinter die allgemeinen Entwicklungen zurückzufallen und mittelfristig den Anschluss zu verlieren.

 

Die Herausforderung ist, dass die Denk- und Handlungsstrukturen hinter den unterschiedlichen Weltbildern und damit den Management- und Organisationsmodellen intensiv voneinander abweichen. Ein zeitgemäßes Managementmodell setzt andere Schwerpunkte, z.B. im Kontext von Zusammenarbeit, Entscheidungsfindung, Verantwortungsübernahme und damit auch bei Werten und Kultur, als ein Modell, dass eine (inzwischen nur noch vermeintliche) Optimierung des Geschäftsergebnisses in den Mittelpunkt rückt. Längst ist klar, dass zeitgemäßer agierende Unternehmen auch ökonomisch klar im Vorteil sind.

 

Ähnlich ergeht es den Organisationsmodellen. Hier haben engmaschige und mehrdimensionale, zugleich aber vergleichsweise starre Matrixstrukturen deutliche Nachteile gegenüber angepassten, offeneren Ansätzen, die bis hin zu vollständigen Netzwerkstrukturen reichen.

 

Dies zu erkennen, es für das eigene Unternehmen zu deuten und zu adaptieren, ist eine der derzeit wichtigen Top-Management Aufgaben.

 

To the moon and back

Das heliozentrische Weltbild hat sich als Tatsache erwiesen. Wir sind inzwischen auf dem Mond gewesen, haben Satelliten zur Sonnenerkundung ausgeschickt und planen die ersten Mondmissionen. Diesen Teil unseres Universiums scheinen wir damit ausreichend gut zu kennen. Wie und woraus unser Universum entstanden ist, ob es wirklich so einzigartig ist, wie wir glauben, dazu gibt es bislang nur Theorien und noch keine vollständige Beweisführung. Hier gilt es weiter zu forschen.

 

Das die alten Managementmodelle heute nicht mehr die erforderliche Wirkung erzeugen, dass sie nicht mehr zu den heute geforderten und angestrebten Geschäftsmodellen passen, das sollte, wie das heliozentrische Weltbild, klar und in seinen Konsequenzen verstanden sein. Wohin die Reise weitergeht, immer schneller und intensiver, das wird dagegen die Zukunft noch zeigen müssen. Hier gilt es zu analysieren, zu interpretieren und vorauszudenken, so wie einst Keppler, um die Nase das entscheidende Stückchen weiter vorn zu haben.

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